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Ibiza-Netzwerk: Undercover für Bundeskriminalamt und Finanzpolizei

Involviert: Bundeskriminalbeamte, Finanzpolizisten, ein Tabakkonzern, ein Protagonist aus dem Ibiza-Video im „Undercover-Einsatz“ und ein krimineller Ring, der gesprengt wurde.

Undercover für Bundeskriminalamt und Finanzpolizei - Ryan McGuire - Pixabay
Undercover für Bundeskriminalamt und Finanzpolizei - Ryan McGuire - Pixabay

Wirtschaftsspionage ist ein lukratives Geschäft für ehemalige Polizisten, Soldaten, aber auch für moralisch flexible Rechtsanwälte und Beamte. 2013 hat ein internationaler Tabakkonzern das Projekt „Mezzo“ finanziert. Involviert: Bundeskriminalbeamte, Finanzpolizisten, ein Protagonist aus dem Ibiza-Video im „Undercover-Einsatz“ und ein krimineller Ring, der gesprengt wurde. Eine Vergangenheitsreise in das methodische Handwerk der Lockvögel von Ibiza.

Ibiza-Affäre: Geschichte der Hintermänner

“Gehen Sie zurück zum Ursprung”, lautet ein Tipp, den einem die Detektive auf den Weg geben“ so Fabian Schmid und Laurin Lorenz vom Standard.at. Und ja, das haben wir gemacht.

Fass ohne Boden hat 12.000 Dateien aus dem direkten Umfeld der Drahtzieher der Ibiza-Affäre erhalten. Die Vergangenheit, sprich das Datenmaterial, ermöglicht einen Einblick in die Welt des Mentors Sascha W., insbesondere von Julian H. und Ramin M. aus den Jahren 2011 bis 2016. Die Sichtung des Materials ist als Ganzes verstörend und zugleich besorgniserregend.

Gesetze, Werte und Normen werden de facto außer Kraft gesetzt. Die Gerichtsakte, Protokolle und Aktennotizen von Staatsanwälten, BVT-Einvernahmen, LKA-Einvernahmen, Anklageschriften, persönliche E-Mails an Rechtsanwälte, Korrespondenzen zwischen Kunden, Scheinrechnungen, Analysen, Strategiepapiere, Observationsberichte und Netzwerkaufschlüsselungen lassen den Leser in eine Welt eintauchen, die jeden John Grisham Roman alt aussehen lässt.

Methoden der Ibiza-Hintermänner

Julian H., jener Lockvogel, dem Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus in die Falle getappt sind, hatte einen Lehrmeister: Sascha W.

Der Mastermind des Sicherheitsunternehmens „Gruppe für mehr Sicherheit Gesellschaft“ und „Die Gruppe Sicherheit“ war der Inbegriff einer Arbeitsweise, die man heutzutage „moderne Methode“ bezeichnen würde. Das Portfolio des Unternehmens, mittlerweile wegen Vermögenslosigkeit gelöscht, hatte eine einschlägige Handschrift, die in der Ibiza-Causa sich wiedererkennen lässt:

  • Verdeckte Operationen
  • Vorgabe und Einsatz von falschen Identitäten, sprich Einsatz von „Legenden“
  • Scheinfirmen: Gründungen von Tarnunternehmen
  • Kauf von Offshore-Firmen „off-the-shelf company“
  • „Erhebung wirtschaftlich relevanter Informationen: Kundenlisten, Lieferantenlisten, Bankdaten, Steuerdaten, private Kontakte der Geschäftsführer, Privatleben der Geschäftsführer. Privat im speziellen deswegen, um mögliche Erpressungen zu ermöglichen.“
  • Einsatz von Peilsendern
  • Abhörungen von Mobiltelefonen
  • Hacken von Servern
  • Einbrüche in geschäftliche und private Adressen, aber auch Hotelzimmer
  • Einbindung von Auslandsnachrichtendiensten
  • Observationen im In- und Ausland
  • Einsatz von privaten IMSI-Catchern gegen “Zielpersonen”
Vertrauensaufbau mit Legenden
Offshore-Firmen
Informanten, angesetzte Prostituierte, Peilsender, Abhörungen von Mobiltelefonen und Einbrüche
Mögliche Erpressungen

Unabhängig davon, dass die zuvor beschriebenen „Methoden“, die als Dienstleistungen angeboten werden, unter Juristen stundenlangen Gesprächsstoff sorgen würde, kommt erschwerend hinzu, dass diese Methoden für jeden zahlenden Auftraggeber möglich waren.

„Zu den Klienten gehören renommierte Unternehmen und Konzerne, sowie BKA, BMI und Regierungen innerhalb Europas.“ war dem Sicherheitsunternehmen von Julian H. zu entnehmen. Aus dem erhaltenen Datenmaterial hat Fass ohne Boden einen konkreten Fall rekonstruieren können.

Es handelt sich dabei um die Behauptungen aus dem Artikel von Holger Stark (Die Zeit) „Ramin und die Detektive“: „Für die Gruppe Sicherheit sollte H. das kriminelle Milieu unterwandern. Laut Wandl infiltrierte er im Auftrag eines Tabakkonzerns eine osteuropäische Bande, die mit gefälschten Zigaretten handelte. “Wir haben ihn in mehrere solcher Strukturen eingeschleust«, behauptet Wandl. Julian H. sei „sehr talentiert in allem, was er tut“.“ Und nein, es ist nicht nur eine Behauptung, sondern ja, das Projekt trug den Namen „Mezzo“.

Projekt Mezzo: Finanzpolizei, Bundeskriminalamt und ein Tabakkonzern kooperieren mit Sicherheitsfachkräften

Österreich war schon immer eine Drehscheibe für nachrichtendienstliche Aktivitäten. Schließlich kennt jeder von uns den Film „Der dritte Mann“ und die Melodie sowieso.
Dass Informanten und Beamte vom Bundeskriminalamt, Finanzpolizisten und externe Sicherheitsfachkräften aus Österreich und Deutschland gemeinsam in einem Projekt ein kriminelles Netzwerk jagen, ist zumindestens für den Großteil der Bevölkerung Neuland.
Noch spannender wird es, wenn eine Person, und zwar jener Sicherheitsfachmann, der im Ibiza Video erkannt wurde, genau jener Herr ist, der maßgeblich an dem Projekt „Mezzo“ beteiligt war.

Titelblatt vom Projekt “Mezzo”
Projektbeschreibung

Das Projekt Mezzo ist ein 3385-Wörter starker Bericht, der penibel genau erörtert, wie im Zeitraum Jänner bis März 2013 ein Ermittler von „Die Gruppe Sicherheit GmbH“ ein kriminelles Netzwerk unterwandert hat, und letztlich zu Fall gebracht hat.

Das Ergebnis liest sich beachtlich: „Riesen-Fahndungserfolg für die Finanzpolizei in Wiener Neustadt: Bei einer Routinekontrolle wurde ein gigantisches Zigarettendepot entdeckt. Knapp 5,4 Millionen Glimmstängel wurden beschlagnahmt. Der Verkaufswert der Rauchwaren beträgt knapp 1,2 Millionen Euro.“ (vienna.at)

Über das Projekt „Mezzo“

18 „Meeting minutes“, sprich Sitzungsprotokolle, sind dem Projekt „Mezzo“ zu entnehmen, wie Schritt für Schritt ein georgisches Netzwerk unterwandert wurde. Unter dem Decknamen „Alexander Surkov“ operierte Julian H. beim Projekt „Mezzo“, wie auch in anderen Operationen.

Im Fokus der Fahnder war ein gewisser Herr D., der ein Lokal im 1. Bezirk besessen hat. Weitere Personen waren Herr W., der einen Vertrieb von illegalen Pharmapräparaten betrieben hat. Zu lesen ist auch ein Lokalbesitzer mit dem Namen Herr Z. aus dem 15. Bezirk. Bei den Unternehmern handelt es sich um Abnehmer von geschmuggelten Zigaretten. Dargestellt werden in dem Netzwerk mehr als zwanzig Personen. Weitere Details zu den Personen veröffentlicht Fass ohne Boden aus medienrechtlichen Erwägungen nicht:

Kontaktaufnahme mit einem Beamten des Bundeskriminalamtes

Zwar ist der medialen Berichterstattung zu entnehmen, dass Fahnder des Finanzamtes ursprünglich einen anonymen Tipp erhalten haben, jedoch sollte man dieser Version nicht zu viel Beachtung schenken, da in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen proaktiver Austausch von Informationen stattgefunden hat. Beispielsweise hat am 23. Jänner 2013 der Sicherheitsfachmann einen gewissen Herrn Oliver P. („Lead investigator of Customs Graz“) mit zwei weiteren Kollegen zum Essen getroffen. Das Meeting dauerte 100 Minuten und fand in einem Lokal im 1. Bezirk statt. Es gab aber auch eine Vielzahl an Telefonaten von kurzer Dauer.

Projekt Mezzo – Seite 13 – 2000 Mastercases sind in Österreich angekommen

Einige Tage vor der Razzia ist dem Bericht zu entnehmen, dass am 4. März 2013 zwei Personen aus dem kriminellen Netzwerk sich mit einem Beamten vom Bundeskriminalamt unterhalten haben. So ist dem Bericht auf Seite 14 zu entnehmen, dass der Beamte auf der „Payroll“ eines gewissen Herrn E. sein sollte. Und zwar handelt es sich dabei um eine stolze Summe von 10.000 Euro pro Monat. Als Gegenleistung würde der Bundeskriminalbeamte folgende Gegenleistung erbringen: „offers him a great deal of protection from various investigations.“ Starkes Stück!

Projekt Mezzo – Seite 14 – Verdacht auf Bestechung

Aber auch eine Liebesgeschichte darf bei einer guten Undercover-Story selbstverständlich nicht fehlen. So ist Seite 16 zu entnehmen, dass ein ranghoher Beamter des Innenministeriums ein rumänisches „Escort Girl“ 6.000 Euro pro Monat bieten würde, wenn sie ihren Job quittieren würde. Unabhängig davon habe er „unusual sexual preferences“:

Projekt Mezzo – Seite 16 – 6000 Euro für ein Escort Girl um mit dem Job aufzuhören

Konfrontation der Betroffenen

Von Seiten des betroffenen Tabakkonzerns ist von der Geschäftsleitung (Name der Redaktion bekannt) folgende Stellungnahme an die Redaktion schriftlich erfolgt:

„Der illegale Zigarettenhandel ist eine der größten Finanzierungsquellen des internationalen Terrorismus und schadet nicht nur der Branche, sondern insbesondere den Fisken weltweit jährlich um mehrere Milliarden Euro. Für unser Unternehmen ist es daher von wesentlicher Bedeutung entschieden gegen diese illegalen Handlungen vorzugehen. Dabei unterhalten wir fallbezogen auch Kooperationen mit lokalen und internationalen Behörden und arbeiten für vereinzelte Projekte auch mit Sicherheitsfirmen zusammen, die jedoch behördlich registrierte Informanten sein müssen. Diese Zusammenarbeit findet immer unter strenger Einhaltung unserer internen Compliance-Richtlinien und der nationalen wie internationalen Gesetze statt. Im konkreten – von Ihnen genannten – Fall können wir zwar die Echtheit der vorgelegten Unterlagen nicht verifizieren, da die damals für diesen Bereich zuständigen Kollegen nicht mehr im Unternehmen sind. Können jedoch bestätigen, dass es ein Projekt unter diesem Namen gab und dass im gegenständlichen Zeitraum große Aufgriffe von illegalen Zigaretten durch die Zollbehörden erfolgten.“

Sascha W. hat die Echtheit der Dokumente ebenfalls bestätigt. Hierzu äußert er sich: „Es war eine äußert gefährliche Operation für Julian, die er bravourös gemeistert hat.“ Julian H. war trotz zweier E-Mails zu keiner Stellungnahme bereit.

Von Seiten des Bundeskriminalamts war vom Pressesprecher zu vernehmen, dass eine Stellungnahme noch bis Ende der Woche vorbereitet wird, aber aufgrund der Komplexität am heutigen Tag keine Stellungnahme erfolgen kann.

Conclusio: Sicherheitsunternehmen a la „Blackwater“?

Dass eine derartige Kooperation überhaupt stattgefunden hat, mag für so manchen Leser seltsam erscheinen. Fakt ist, dass durch diese „Operation“ ein kriminelles Netzwerk ausgehoben wurde. Ob man die Aufgaben von ermittelnden Behörden „outsourcen“ sollte, soll der Leser für sich selbst beantworten.

Nach Rücksprache mit Insidern und Informanten, erhält man heutzutage 10 Euro pro Mastercase, vorausgesetzt man ist eingetragener Informant beim Bundeskriminalamt. So gesehen wären es, in Anlehnung an Seite 13, 20.000 Euro, die man als Informant heutzutage verdienen könnte, wenn der Tipp zur Sicherstellung der Ware führen würde.

Ausblick

Die kommenden Tage wird die Redaktion die 12.000 Dateien ausdrucken. Danach möchten wir das Material, auch mit anderen Redaktionen, teilen. Die kommenden Wochen bleiben spannend, bleibt zu hoffen, dass die Soko Ibiza noch mehr Transparenz in das Netzwerk bringen wird.

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Written by Alexander Surowiec

Ab dem 29.06.2019 digitaler Blattmacher und Chefredakteur.

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